Interview

Mit Thomas Borchert (Graf von Krolock)

(dieses Interview haben wir zusammen mit „musicals unlimited“ geführt)

 

m.u.: Haben Sie ein Faible für dunkle Rollen?

Thomas Borchert: Ich würde nicht sagen, dass ich ein besonderes Faible für dunkle Rollen habe, aber wie man so schön sagt: Die Bösewichte und die Verrückten, das sind immer die interessanteren Rollen. Der junge Liebhaber, der ist zwar immer nett, aber ich bin eigentlich ganz froh, dass ich so interessante Rollen spielen darf, vielschichtige Rollen. Ich sag´s mal so: Der Graf von Krolock ist eine Rolle, die gerade durch ihre Vielschichtigkeit so interessant wird, gerade dadurch, dass er eben kein Abziehbild ist, dass er nicht einfach eine Klischeefigur ist. Hier wird sich höchstens mal über Klischees lustig gemacht. Aber eigentlich ist er eine sehr tragische Figur mit einer abgrundtiefen Traurigkeit. Dieser Mann hat soviel erlebt in seinem Leben- in 400 Jahren Leben- das ist natürlich etwas ganz besonderes, das muß man als Schauspieler erst mal irgendwie nachvollziehen. Und was passiert dann mit einem, der 400 Jahre lebt und alles gesehen hat? Wie geht´s dem, was macht der und so weiter- das ist dann natürlich die Rollenfindung. Da will ich jetzt nicht so weit gehen, aber es ist wie mit jeder neuen Rolle für mich- es geht jetzt nicht darum, was das für eine Rolle im speziellen ist- es geht nicht darum- eigentlich nicht- ob es der junge Liebhaber ist, ob es der Bösewicht ist, ob es der Ganove ist, ob es der Sunnyboy ist- das ist eigentlich egal, die Hauptsache ist, dass es eben nicht nur der Sunnyboy ist, nicht nur der Ganove ist, nicht nur eine plakative Figur ist. Rollen reizen mich nur dann, wenn sie vielschichtig sind, wenn sie nicht eindimensional sind. Und das ist der Krolock ganz besonders, und darum liebe ich die Rolle so, weil da wirklich viel rauszuholen ist. Das ist nicht nur das Klischee eines Vampirs.

 

TdV Fanclub: In einem anderen Interview habe ich Sie sagen hören, dass Krolock sich in Sarah verliebt. Kann dieser Vampir lieben, oder ist es letztlich doch nur Gier?

Thomas Borchert: Natürlich, die Gier siegt am Schluss eigentlich immer. Aber, ich glaube schon- und sonst könnte man das letztlich gar nicht spielen, dass gerade diese Frau, dieses Mädchen, etwas ganz besonderes für ihn ist. Der Ball findet ja jedes Jahr statt, und ich stelle mir dann vor, dass er jedes Jahr ein Opfer anschleppt- oder mehrere, weil die anderen ja auch noch was haben wollen- aber ein Opfer, das er dann exklusiv aussaugen darf. Da sucht er sich natürlich was Besonderes aus. Aber ich glaube eben, sonst wäre das auch nicht so interessant und würde nicht so kribbeln, dass es diesmal wirklich etwas besonderes ist, diesmal nicht nur die Gier, nicht nur „ich brauche irgendeinen Hals, in den ich bitte schön hineinbeißen darf“, sondern er ist ja auch ein Gourmet, und der sucht sich nicht irgendwas aus. Aber es würde auch keinen Spaß machen, das zu spielen, wenn man sich nicht vorstellen könnte, dass er nicht diesmal auch etwas ganz besonderes empfindet dabei.

 

TdV Fanclub: Und es dann schließlich doch zerstört? Denn sie verliert in dem Augenblick ja auch das an Eigenschaften, was sie hatte...

Thomas Borchert: Ja, auf der einen Seite ja, auf der einen Seite ist das die Tragik, auf der anderen Seite – doch, es ist was dran. Das Schlimme ist ja, das sagt er dann ja auch in seinem großen Lied, dass er das, was er liebt, zerstören muss. Er ist eigentlich selbst eine zerstörte Existenz und ist nicht unbedingt stolz darauf, auf das, was er ist. Er sagt ja selbst „ich möchte endlich einmal satt sein“ - der ist einfach besessen davon,  aber er weiß es, er kann auch drüber stehen und wirklich sich angucken und sagen “Verdammt noch mal, warum? Warum kann ich nicht wie jeder normale Mensch... lieben kann ich!“ Und das ist ja das gemeine! Er kann Sarah lieben, er kann sie begehren; er weiß aber: In dem Moment, in dem er sie beißt, ist es vorbei. Und das ist die Tragik. Und aus der Tragik- und deshalb finde ich das bei der Figur so spannend- entsteigt dann auch die Komik. Nur wirklich tragische Rollen, die nicht plakativ sind und die man als Schauspieler tatsächlich auch mit allergrößter Ernsthaftigkeit spielt und sich sehr sorgfältig an die Figur heranpirscht, nur dann kann es tatsächlich letzten Endes auch richtig lustig werden. Das ist meine Meinung dazu. Man kann nicht auf der Bühne etwas spielen und sagen „Hallo, ich bin lustig!“ – das funktioniert nicht. Es funktioniert aber dann, wenn dieser Charakter tatsächlich eine Tragik hat.

 

TdV Fanclub: ...und man sich auch ein Stück weit mit ihm identifizieren kann?

Thomas Borchert: Wenn das gelingt mit diesem Stück- dann ist das doch fantastisch! Wenn es tatsächlich gelingt, dass man sich mit einem Graf von Krolock, einem blutsaugenden Vampir, identifizieren kann- das ist doch toll! Und ich habe das Gefühl, dass es gelingen kann mit diesem Stück.

 

m.u.: Eine Frage zur Zusammenarbeit mit Roman Polanski- gerade wenn man das Stück zum zweiten Mal spielt, wie viel Freiheit lässt die Regie da, die Rolle weiter zu entwickeln oder zu interpretieren, wie man das selber sieht?

Thomas Borchert: Also, man bewegt sich natürlich in einem relativ abgesteckten Korsett. Das ist immer so. Ich habe die Rolle ja auch nicht als erster entwickeln dürfen, um es mal so zu formulieren. Das heißt aber nicht, dass ich meinen ganz eigenen Graf von Krolock daraus machen kann oder darf. Im Gegenteil, das wird unterstützt von der Regie. Allerdings sind bestimmte Dinge Roman Polanski einfach wichtig in der Figur, und das ist auch richtig so. Das sind oft Kleinigkeiten, die aber große Auswirkung haben. Und was Roman Polanski eigentlich macht, ist, dass er am Ende den Feinschliff macht und der Figur, die man selber aus sich heraus entwickelt hat, die letzten Nuancen gibt, das i-Tüpfelchen. Man hat schon Möglichkeiten, sich die Rolle ganz in Ruhe zu erarbeiten und auch Dinge anders zu machen, als sie vielleicht jemand anderer gemacht hat, sonst wäre es nicht spannend und vor allem auch für einen als Schauspieler völlig uninteressant.

 

m.u.: Eben wurde ja schon angerissen, dass die Berliner Produktion ein wenig anders sein wird als alle anderen. Betrifft das Ihre Rolle ebenfalls in irgendeiner Weise?

Thomas Borchert: Das kann ich noch nicht sagen, das weiß ich noch nicht. Natürlich wird es mich betreffen, schon im Hinblick darauf, dass wir natürlich hier ein anderes Theater haben, eine andere Atmosphäre, eine andere Bühne, andere Dimensionen. Wir sind viel näher dran am Publikum, was ganz toll ist, darauf freue ich mich besonders. Man hat viel mehr Nähe zum Publikum. Beide Seiten haben viel mehr von dem Stück, glaube ich- die Darsteller und auch das Publikum. Wie das denn nun im Detail aussieht, wissen wir alle noch nicht. Aber: Wir werden es erfahren!

 

TdV Fanclub: Aber der Graf wird wieder durch das Publikum hereinkommen?

Thomas Borchert: Weiß ich auch noch nicht! Wir sind sehr gespannt, wie das alles wird.

 

TdV Fanclub: Ganz herzlichen Dank und viel Erfolg!

Thomas Borchert: Bitte, gern geschehen!

 

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